2007 Poitou-Charentes

Poitou-Charentes, Atlantikküste

Zwischenstation: nochmal Burgund:

Wie angekündigt, bereisten wir im August 2007 die Region Poitou-Charentes, um dort die Überfülle existierender „Zeitzeugen in Stein“ zu besichtigen und eventuell Gründe für die enorme Dichte der Niederlassungen dort zu finden. Auf dem Weg dahin machten wir noch eine Zwischenstation im Burgund, weil aus der Region noch zwei bedeutende Bauwerke der Templer nachzureichen waren. Im Departement 58 Nièvre , in der Nähe der Stadt Cosne-Cours-sur-Loire, in der bekannten Weingegend des Sancerre, befinden sich die beeindruckenden Überrreste einer großen Templerkomturei namens Villemoison.

Das Gelände befindet sich – außerhalb der Gemeinde – in Privatbesitz. Weil wir das riesige schmiedeeiserne Tor geöffnet vorfanden, übersahen wir das Schild, dass Besuche nur nach vorheriger Ankündigung durch das Touristenbüro erwünscht sind. Die Anlage war sehr gepflegt, aber kein Auto verriet die Anwesenheit von Bewohnern. Die Kapelle ist kurios. Asymmetrisch, auch innen. Vermutlich wurde sie einst unter Erhaltung der linken Wand nach rechts verbreitert.

commanderie de Villemoison, 58 Nièvre, Bourgogne

Die Kapelle ist ersichtlich aus dem 12. Jahrhundert, offenbar weitgehend im Originalzustand. Die logis des Commandeurs im Hintergrund stammt in dieser Form aus der Zeit der Rechtsnachfolger, des Johanniter- oder später Malteserordens. Man kann aber im Mauerwerk des Erdgeschosses teilweise noch Tür- und Fensterstürze aus der Templerzeit erkennen. Ausserdem zeigt die Anlage den berühmt-berüchtigten Forellenteich, ohne den das Leben für einen Templer offenbar nun einmal nicht lebenswert war.

Sonntags morgens war es, kein Mensch weit und breit – dachten wir zunächst! – als wir uns anschickten, die Kapelle innen zu inspizieren:

 

Originalfresko aus der Templerzeit

Wir wir die Innenbemalung bestaunten, gab es draußen plötzlich Geräusche. Wir hatten die Eigentümerin offenbar erschreckt und sie schien irritiert, weil keine Besuchszeit war. Sie nahm verwundert zur Kenntnis, dass ihre Tür offengestanden haben soll. Aber als wir ihr sagten, wir hätten eine Anfahrt von ca.  700 Kilometer auf uns genommen, um das hier zu sehen, schien sie besänftigt – sogar etwas stolz – zu sein. Wie man denn in Deutschland auf ihren Besitz aufmerksam gemacht würde? Ich erzählte, dass ich meine freie Zeit mit der Lektüre der – überwiegend französischen – Templerliteratur verbringen würde und wir durften uns dann überall umsehen und wurden freundlich – auf Deutsch – verabschiedet.

Einige Kilometer weiter südlich, in der Nähe der Stadt Nevers, sollte noch eine gut erhaltene Commanderie namens Feuilloux zu finden sein.

 commanderie de Feuilloux, Les Loges-Feuilloux, 58 Nièvre, Bourgogne

Der Turm der logis de commandeur könnte evtl. auch noch aus der Templerzeit stammen. Im übrigen befindet sich die Anlage heute – wie viele Templeranwesen in Frankreich – in Privatbesitz und ist als großzügige Wohnung hergerichtet :

(Detailansicht der Kapelle von Osten)

(Westseite:  Türsturz mit Templersymbol und Inschrift)

..weiter vom Burgund an die Küste..

Am Nachmittag dieses Tages trafen wir dann  am Ziel unserer Urlaubsreise ein. Ein Örtchen in der Nähe der Stadt Saintes, die dem Umgebung ihren historischen Namen verlieh:  la Saintonge. Die Saintonge und das benachbarte Angumois (Gegend um die Stadt Angoulême) zeigen sehr dichte Präsenz der Templer. Die erste Überraschung bei der Einzeichnung der Orte:

Sie scheinen absolut nicht entlang der beiden Haupt-Pilgerstrecken via turonensis (aus Paris) und via limovicensis (aus Vezelay, Burgund) entlang aufgereiht zu sein, sondern eher quer. Man erkennt auf dem ersten Blick sogar geradezu eine Querverbindung zwischen den beiden eher Nord-Süd liegenden Hauptstrecken in Ost-Westrichtung. Sie liegen offensichtlich an der Strecke St. Jean-d’Angély – Limoges. Wir beschreiten diese Linie von Saintes aus nach Osten und stossen dabei auf folgende noch sichtbaren Zeichen der Templerpräsenz:

Beauvais-sur-Matha, 17 Charente-Maritime, Poitou-Charentes

Das Portal rechts stammt von den Templern. Der Turm kam erst viel später dazu. Aus der Templerkapelle wurde die Pfarreikirche, noch heute benutzt.

Fouqueure, 16 Charente, Poitou-Charentes

Foto: Reinhold Denich

Das Portal und die Glockenarkaden (cloche-mur) stammen im wesentlichen aus der Templerzeit. Das Gebäude mußte häufig instandgesetzt werden und wurde dabei dem Zeitgeschmack entsprechend verändert.

Coulonges, 16 Charente, Poitou-Charentes

Coulonges, Innenansicht: Drei Fenster, wie gewohnt

Die nächste Etappe erwies sich wieder mehr als spannend. Schlecht zu finden, ausserhalb des nächsten Ortes, am Waldrand. Die Ruine der Commanderie Maine-de-Boixe. Keine Menschenseele weit und breit. Selbst an einem sonnigen Tag könnte einen ein etwas mulmiges Gefühl beschleichen..

(Die Chorfassade von Osten. Drei Fenster.)

(Der Eingang vom Commanderiehof in die Kapelle)

(Kapelle: Innenansicht. Blick in den Chor. Alles zugewachsen. Ein wahrer Dornröschemschlaf.)

Maine-de-Boixe, 16 Charente, Poitou-Charentes

le Grand-Madieu, 16 Charente, Poitou-Charentes

(Detail im Innenraum der Kapelle. Ein Kopfidol, Grimasse schneidend. Bedeutung unklar. Ich tippe, wie oft, auf eine Darstellung des abgeschlagenen Hauptes Johannes des Täufers. Die Kapelle ist ihm geweiht.)

chapelle St. Jean-Baptiste, le Grand-Madieu, 16 Charente, Poitou-Charentes

le Petit-Madieu, Roumazières-Loubert, 16 Charente, Poitou-Charentes

Die soeben gezeigten Orte liegen alle – dicht an dicht – an einer offenbar alten Strasse von St. Jean-d‘ Angély nach Limoges. Diese Strasse verbindet den via turonensis, der von Paris über Tours und  Poitiers in die untersuchte Region eintritt und bei St. Jean-d‘ Angély die soeben entdeckte Querstrecke schneidet, mit dem via limovicensis, der  – vom Burgund aus kommend – über Limoges nach Perigueux weiterführt. Denkt man sich diese Querstrecke nach Westen über St. Jean d’Angély hinaus weiter, landet sie in La Rochelle, dem überaus wichtigen Hafen der Templer. Das Portal der Templer zum Atlantik.

Damit scheine ich einen Baustein für die Hypothese des umstrittenen Historikers Louis Charpentier gefunden zu haben. Dieser Autor vertritt in seinem Buch les mystéres templiers (Robert Laffont, Paris 1967) eine Theorie, dass die Templer von La Rochelle aus fächerförmig mindestens 6 Fernstrassen durch ganz Frankreich entweder neu angelegt oder aber instandgesetzt haben, von denen man jeweils in die äußersten Spitzen des Landes gelangen konnte: in die Bretagne, die Normandie, die Ardennen, nach Lothringen, an den Genfer See und in die Provence. Leider ist dieser Autor häufig unpräzise und visionär, so dass die Fachwelt ihm mit großer Vorsicht begegnet. Nun, die soeben gefundene Strecke ist jedenfalls ein Teilstück einer der von ihm beschriebenen Fernstrecken und es bedarf noch weiterer Untersuchungen, ob sie tatsächlich nach Osten verlängert von Templer-Stationen bewacht wurde. Das beschriebene Teilstück jedenfalls ist wieder einmal wie eine Perlenkette sehr dicht besetzt:

St. Jean-d’Angély, Beauvais-sur-Matha, Fouquere, Maine-de-Boixe, le Grand-Madieu und le Petit-Madieu. Alles nur ca. 10-15 Km auseinander. Danach tritt die Strasse aber hinüber ins benachbarte Limousin und landet dort schließlich in Limoges. Die noch vorhandene Lücke etwaiger Streckenstationen der Templer im Limousin muß ich später einmal schließen.

Eine Vision Charpentiers, die Templer hätten von La Rochelle aus schon Amerika bereist und auf diese Weise Silber ins Land gebracht  (was dann – so Charpentier weiter – auf diesen Strassen schnell und sicher in jede Ecke des Templerimperiums verbracht werden konnte), wird nur von wenigen anderen Autoren geteilt. Die herrschende Meinung unter den namhaften Historikern lehnt solche Ideen ab oder findet sie keiner Erwähnung wert. Weil sie derzeit nicht zu beweisen ist.

Die Südoststrecke von Cognac ins Perigord:

Eine zweite dieser Fernstrecken Charpentiers deutet sich ebenfalls an. Von La Rochelle führt eine weitere Strecke südöstlich durch Saintes und Cognac nach Angoulême. In Cognac – des Standortes sämtlicher hoch- und höchstrangiger Hersteller des edlen Getränkes (die Gegend spielte auch schon zur Templerzeit bei der Weinerzeugung eine wichtige Rolle!) – zweigt diese Strasse nach Süden ab , in Richtung Perigord. Unmittelbar südlich von Cognac befindet sich ein Ort, der scheinbar damals wie heute eine wichtige militärische Aufgabe zu erfüllen hatte. Damals Ritterstützpunkt. Heute Militärflughafen.

Chateaubernard, 16 Charente

Die nächste Station sollte durch eine Templerkapelle in der Gemeinde Salles  d‘ Angles, 7 km weiter südlich von Chateaubernard markiert sein..

Wir fanden dort nur eine Pfarreikirche, zwar auch aus dem 12 Jahrhundert, aber eben viel zu groß für eine Templerkapelle. Was wir nicht wußten: Die Gemeinde Salles d‘ Angles teilt sich in zwei Ortsteile ein, der Ortsteil Angles selbst ist noch 3 Km weiter südlich auf einer Insel des Flüsschens  Né und die Templerkapelle befindet sich dort:

Angles, Commune de Salles d’Angles, 16 Charente

Da mußten wir noch jemand sehr speziellen hinbitten, der diese Position klären mußte:

Foto: Reinhold Denich, unser „special agent“, Templerdetektiv vor Ort

Im Eiltempo – und angemessen nervös – nähern wir uns – über Barbezieux (angeblich auch einer Templerstätte, wohl keine Reste sichtbar) – weiter in südöstlicher Richtung dem absoluten Highlight der Atlantikreise: DER einzigartigen, weltberühmten und unvergleichlichen Templerkapelle vonCressac. Äußerlich durchaus nichts besonderes, gleiche Grösse, rechteckige Form, romanische Tür im Westen, ein schmales Fenster darüber und natürlich gefälligst drei Fenster nach Osten:

 chapelle des Templiers de CressacCressac-St. Genis, 16 Charente

Wegen ihrer Aussanansicht ist diese Kapelle auch nicht weltberühmt geworden. Das liegt vielmehr an den aufwändigen Original-Fresken im Innenraum, die größtenteils durch aufwändige Massnahmen von der Landesarchäologie, der hier im Namen aller tiefsten Dank auszusprechen ist, erfolgreich vor dem Verfall bewahrt wurde. Es handelt sich hier um die einzigen heute noch brauchbaren bildhaften Darstellungen der Tempelritter sowie ihrer Zeitgenossen, anhand derer man Uniformen und Trachten der Zeit heute noch -wohl zuverlässig – studiert. Weil sie so einzigartig und gut erhalten sind, möchte ich gerne die Bilder weitgehend für sich selbst sprechen lassen:

(Tempelritter rücken aus einer befestigten Stadt aus. Mit Nasenhelm, dreieckigem Schild und Lanze.)

(Die zurückgelassenen Frauen der Stadt schauen hoffend, nervös, bestürzt und verängstigt, was da wohl kommen möchte… )

(Die armen Ritter der militia christi teilten sich angeblich immer zu zweit ein Pferd. In Wahrheit dient diese Darstellung aber nur der Verdeutlichung der persönlichen Bedürfnislosigkeit. Es gibt heute noch eine Speise in Deutschland, die „arme Ritter“ genannt wird.)

Merke: Den muselmännischen Bösewicht erkenne man am RUNDEN Schild. ähem, und …. ah err … an der Hautfarbe. Die Guten sind  – emmm… weiß und die bösen Muselmänner haben natürlich dunkle Gesichtsfarbe. Das ist wahrhaft ein Vorläufer heutiger comics, Schwarzweißmalerei. Kommt einem sehr bekannt vor. Nasenhelme haben sie auch, die „Räuber des Grabes Jesu.“

(Der hl. Michael wiegt den „Wert“ einer Seele)

(Drei Fenster, wie erwartet.)

(geheimnisvolles Templersymbol)

(Auf das kommen wir noch zurück.)

Was gibt es noch in Saintonge, Angumois? Zwischen Poitiers und Angoulême gab es damals offenbar auch eine strikt nord-südlich verlaufende Direktverbindung (die heutige N 10), die „unsere“ oben bewiesene Querstrecke St. Jean-d‘ Andély – Limoges (die heutige D 739) bei Mansle rechtwinklig kreuzt. Im hier interessierenden Gebiet wird  die Teilstrecke durch folgende jeweils ca. 10 – 20 Km auseinanderliegende Templerplätze beflankt:

commanderie de Villegats, 16 Charente  Foto Reinhold Denich

Maine-de-Boixe (das hatten wir schon)

und schließlich der von mir übersehenen Templerkapelle in der Gemeinde Yvrac-et-Malleyrand, die sich leider auch in zwei Ortsteile gliedert. Und ich war wieder im falschen Ortsteil, nämlich in Yvrac-et-Malleyrand. Dort gibt es wiederum nur eine Pfarreikirche aus dem 12 Jahrhundert, aber eben keine Templerkapelle. Die Kapelle liegt in Wahrheit im südlichen Ortsteil Malleyrand. Wieder war ein Einsatz unserer Templerdetektives vor Ort veranlasst:

chapelle de Malleyrandcommune de Yvrac-et-Malleyrand, 16 Charente

 Foto: Reinhold Denich

Malleyrand, Nordostecke, drei Fenster am Chor.  Foto: Reinhold Denich

(Malleyrand. Detail am Portal. Katzenkopf  Foto: Reinhold Denich)

2 Gedanken zu „2007 Poitou-Charentes

  1. REBEIX

    Bonjour,

    Avez vous des archives sur le Limousin particulièrement sur le sud-ouest du Limousin (entre autre SAINT-MATHIEU 87440)?

    Merci d’avance !

    Cordialement,

    M REBEIX

    Antworten

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